Wer vereinfacht bewertet, zahlt häufig einen hohen Preis!

Dieser Beitrag befasst sich mit den veränderten Vorschriften für steuerliche Bewertungsanlässe. Im Zuge der Neuerungen erfuhr auch das Ertragswertverfahren für Erbschafts- und Schenkungsfälle eine Vereinfachung. Dessen Anwendung führt jedoch nicht zwangsläufig zu Ersparnissen, sondern bisweilen gar zu höheren Kosten.

Im Rahmen der Erbschaftsteuerreform 2009 haben sich die Vorschriften für steuerliche Bewertungsanlässe grundlegend geändert. Basis für die Änderungen der steuerlichen Bewertungsregeln war eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, wonach dem deutschen Gesetzgeber auferlegt wurde, EU-rechtskonforme Bewertungsmethoden zur bestmöglichen Abbildung des sog. Verkehrswertes zu entwickeln.

Für Bewertungen von nicht-börsennotierten Kapitalgesellschaften und Betriebsvermögen wurde daraufhin ab 01.01.2009 das sog. „vereinfachte Ertragswertverfahren“ für Erbschaft- und Schenkungsfälle eingeführt. Darüber hinaus hat das Bundesministerium der Finanzen (BMF) im Jahr 2011 entschieden, dass diese neuen Vorschriften auch für ertragsteuerliche Zwecke entsprechend anzuwenden seien. Damit hatte das bis dahin bekannte und für steuerliche Bewertungszwecke herangezogene sog. „Stuttgarter Verfahren“ komplett an Bedeutung verloren. Doch wer das vereinfachte Ertragswertverfahren in der heute bestehenden Form anwendet, zahlt häufig einen hohen Preis! 

Grundsätzlich gleiche methodische Vorgehensweise

Mit der Einführung des vereinfachten Ertragswertverfahrens sollte den Steuerpflichtigen eine möglichst einfache, kostengünstige und verständliche Methode angeboten werden, verlässliche und angemessene Unternehmenswerte zu bestimmen. Alternativ wird gemäß Bewertungsgesetz jedoch die Wahlmöglichkeit eingeräumt, ein anderes marktübliches Bewertungsverfahren zu verwenden – wie beispielsweise das sog. IDW S1-Verfahren.

Die in der praktischen Anwendung für Unternehmensbewertung geltenden Grundsätze haben ihren Niederschlag in den Verlautbarungen des Instituts der Wirtschaftsprüfer in Deutschland e. V. (IDW), insbesondere im IDW Standard S1 „Grundsätze zur Durchführung von Unternehmensbewertungen“ (IDW S1) gefunden. Dort werden Ertragswertverfahren und die sog. Discounted Cashflow-Verfahren (DCF-Verfahren) als gleichberechtigte Bewertungsverfahren genannt, wobei in der Betriebswirtschaftslehre, der Rechtsprechung und der Bewertungspraxis allgemein anerkannt ist, dass der Ertragswert einen geeigneten Maßstab für den Wert eines Unternehmens darstellt.

Bei Anwendung des Ertragswertverfahrens wird der Unternehmenswert durch Diskontierung der den Unternehmenseignern (Eigenkapitalgebern) künftig zufließenden finanziellen Überschüsse, die aus den zukünftigen handelsrechtlichen Erfolgen abgeleitet werden, ermittelt. Diese ergeben sich vorrangig aus den Ausschüttungen der vom Unternehmen erwirtschafteten finanziellen Überschüsse. Eine Unternehmensbewertung nach IDW S1 setzt insoweit die Prognose dieser entziehbaren künftigen finanziellen Überschüsse voraus und erfordert demnach eine entsprechende Planungsrechnung. Um die sich aus den ermittelten finanziellen Überschüssen ergebende Zahlenreihe an einer Entscheidungsalternative zu messen, sind sie mit einem geeigneten Zinssatz auf den Bewertungsstichtag zu diskontieren. Dabei wird ein Kapitalisierungszinssatz verwendet, der die Rendite aus einer zur Investition in das zu bewertende Unternehmen adäquaten Alternativanlage repräsentiert. Grundsätzlich basieren somit das vereinfachte Ertragswertverfahren sowie die Bewertungsgrundsätze nach IDW S1 auf der gleichen theoretischen Konzeption, da beide Verfahren den Unternehmenswert durch Diskontierung von Unternehmenserträgen ermitteln. 

Unterschiede in den Verfahren

Doch so sehr sich das vereinfachte, BMF-basierte Ertragswertverfahren und das Bewertungsverfahren der Wirtschaftsprüfer hinsichtlich der methodischen Vorgehensweise gleichen, so sehr unterscheiden sie sich in ihren Resultaten. Denn die namensgebenden „Vereinfachungen“ in der Methode des BMF beziehen sich im Wesentlichen auf Typisierungen und Pauschalierungen der entscheidenden Parameter, die in die Bewertung einfließen. Dies sind zum einen die als nachhaltig erzielbar unterstellten Erträge sowie insbesondere die Zusammensetzung der Kapitalkosten, die zur Diskontierung dieser Erträge herangezogen werden.

Erwartete Erträge:

Das Verfahren des IDW stellt hinsichtlich der Erträge methodisch korrekt auf die zukünftigen Erträge gemäß einer aufgestellten Unternehmensplanung ab. Bei der Anwendung des vereinfachten Ertragswertverfahrens wird hingegen unterstellt, dass die in den vergangenen drei Geschäftsjahren erzielten Unternehmensergebnisse auch als repräsentativ für die Zukunft angesehen werden können. Diese Vorgehensweise stellt freilich eine starke Vereinfachung im Vergleich zum Ertragswertverfahren nach IDW S1 dar, erspart es doch die oft zeitraubende Aufstellung einer integrierten Planungsrechnung bestehend aus Planbilanzen, Plan-Gewinn- und Verlustrechnungen sowie entsprechender Cashflow-Rechnungen.

Allerdings ist zu beachten, dass die Ergebnisse der letzten drei Geschäftsjahre allenfalls zufällig den zukünftig erzielbaren Ergebnissen eines Unternehmens entsprechen dürften. So können z. B. längerfristige Konjunktur- oder Branchenzyklen durch die Betrachtung von nur drei Geschäftsjahren in der Regel nicht abgebildet werden. Des Weiteren ist es gerade bei Bewertungsanlässen, die aus Nachfolgefällen etc. resultieren, häufig der Fall, dass die zukünftigen Unternehmensergebnisse u. U. stark von der Vergangenheit abweichen können. Denn gerade in mittelständischen Unternehmen hängen Erfolg und Misserfolg des Unternehmens meist entscheidend von der Person des Anteilseigners, der häufig auch die Position des Geschäftsführers bekleidet, ab. Scheidet dieser gewollt oder ungewollt aus dem Unternehmen aus, kann dies in vielen Fällen über einen gewissen Zeitraum auch Auswirkungen auf die in Zukunft erzielbaren Erträge der zu bewertenden Einheit haben. All diese ertragsbeeinflussenden Argumente und Faktoren, die in beliebiger Anzahl fortgeführt werden könnten, sind u. E. im Rahmen von methodisch korrekt durchgeführten Bewertungen zwingend zu berücksichtigen, werden aber durch die Orientierung auf Vergangenheitserfolge durch das vereinfachte Ertragswertverfahren komplett ausgeblendet. 

Kapitalisierungszinssatz:

Zur Ermittlung des Wertes eines Unternehmens sind die prognostizierten Erträge der Gesellschaft mit einem geeigneten Kapitalisierungszinssatz auf den Bewertungsstichtag zu diskontieren. Der Kapitalisierungszinssatz repräsentiert hierbei die Rendite aus einer zur Investition in das zu bewertende Unternehmen adäquaten Alternativanlage und muss den prognostizierten Zahlungsströmen der Gesellschaft an die Anteilseigner hinsichtlich Fristigkeit, Risiko und Besteuerung äquivalent sein. Kapitalmarktrenditen für Unternehmensbeteiligungen in Form eines Aktienportfolios, die in der Bewertungspraxis aus dem sog. Capital Asset Pricing Model (CAPM) abgeleitet werden, sind geeignete Ausgangsgrößen für die Bestimmung von solchen Alternativrenditen.

Neben einem Basiszinssatz enthalten diese auch den von Anteilseignern aufgrund der Übernahme unternehmerischen Risikos geforderten Risikozuschlag, bestehend aus allgemeiner Marktrisikoprämie und dem sog. Beta-Faktor, der das unternehmensspezifische Risiko im Verhältnis zum Marktdurchschnitt abbildet. Hinsichtlich all dieser den Kapitalisierungszinssatz beeinflussenden Parameter geht es im vereinfachten Ertragswertverfahren ähnlich pauschalierend und damit umso realitätsferner weiter. So wird der risikolose Basiszinssatz durch das BMF am jeweils ersten Börsentag eines Kalenderjahres bekannt gegeben. Dieser ist dann für alle Bewertungsstichtage in dem jeweiligen Kalenderjahr einheitlich anzuwenden. Unterjährige Änderungen in den Renditeerwartungen bleiben komplett unberücksichtigt. Im IDW S1-Verfahren dagegen werden die Basiszinsen jeweils auf Basis des Durchschnitts der Zinsstrukturkurve der letzten drei Monate vor dem Bewertungsstichtag festgelegt, um kurzfristige Schwankungen zu glätten. Das BMF hat für 2013 einen Basiszinssatz von 2,04 % aufgerufen; gemäß Zinsstrukturkurven ergibt sich derzeit ein risikoloser Zinssatz in Höhe von ca. 2,50 %.

Einen zusätzlichen Wertreiber im vereinfachten Ertragswertverfahren stellt die Fixierung der Marktrisikoprämie auf einheitlich 4,50 % dar. Damit liegt der BMF-Risikozuschlag vor Berücksichtigung des Beta-Faktors bereits um bis zu 2,50 %-Punkte unter der derzeit seitens des Fachausschusses für Unternehmensbewertung und Betriebswirtschaft (FAUB) des IDW empfohlenen Höhe. Der FAUB hält es gemäß seiner Stellungnahme aus 2012 unter dem Einfluss der Finanzkrise für sachgerecht, sich derzeit bei der Bemessung der Marktrisikoprämien an einer Bandbreite von 5,50 % bis 7,00 % (vor persönlichen Steuern) zu orientieren. Im Extremfall kann allein hieraus ein im Vergleich zum IDW S1-Verfahren um ca. 55 % (!) höherer Unternehmenswert resultieren. 

Schließlich kommt dem sog. Beta-Faktor als Messgröße für das unternehmensspezifische Risiko in der Bewertungspraxis eine entscheidende Bedeutung zu. Hier wird im vereinfachten Ertragswertverfahren ein Faktor von 1,00 unterstellt, was letztlich bedeutet, dass jedes danach zu bewertende Unternehmen als genauso riskant angenommen wird, wie der Durchschnitt des Gesamtmarktes. Es erübrigt sich u. E. zu bemerken, dass diese Annahme als realitätsfern zu verwerfen ist. Im IDW S1-Verfahren stellt die Bestimmung des BetaFaktors, meist abgeleitet aus einer zu bestimmenden PeerGroup vergleichbarer börsennotierter Unternehmen, eine wesentliche Anforderung an den Bewerter dar. Jüngere Untersuchungen zeigen, dass der individuell bestimmte und an den jeweiligen Verschuldungsgrad eines zu bewertenden Unternehmens angelehnte (sog. un- und relevered) BetaFaktor bei mittelständischen Unternehmen in der Regel in einer Bandbreite zwischen 1,00 bis 1,50 liegt.

Zusammenfassendes Beispiel 

Nachfolgendes vereinfachtes Beispiel stellt zusammenfassend dar, wie deutlich Unternehmenswerte nach vereinfachtem Ertragswertverfahren von nach IDW S1 ermittelten Werten abweichen können. Obwohl hier vereinfachend davon ausgegangen werden soll, dass die den Bewertungen zugrunde zu legenden nachhaltigen Unternehmenserfolge gleich seien (hier: EUR 1.000,00), also die in den letzten drei Geschäftsjahren erzielten Ergebnisse auch für die Zukunft als nachhaltig unterstellt werden können, resultieren doch allein aus den den Kapitalisierungszinssatz beeinflussenden Faktoren immense Unterschiede: 

Zusammenfassendes BeispielZusammenfassendes Beispiel

Die unterschiedlich anzusetzenden Parameter in Basiszinssatz, Marktrisikoprämie und Beta-Faktor ergeben hier eine Differenz im Kapitalisierungszinssatz von ca. 3,50 %-Punkten. Während im vereinfachten Ertragswertverfahren im gesamten Kalenderjahr 2013 mit einem Kapitalisierungszinssatz von 6,54 % gerechnet wird, ergibt sich nach IDW S1 im oben dargestellten Beispiel ein Zinssatz von 10,00 %. Im Ergebnis führt die Anwendung des vereinfachten Ertragswertverfahrens im Jahr 2013 damit zu Unternehmenswerten, die mit dem 15,3-fachen des als nachhaltig zu unterstellenden Jahresertrags entsprechen! Im Jahr 2012 lag dieser Faktor noch bei 14,4 – in 2008 bei (eher als realistisch anzunehmenden) 11,0.

Fazit

Nach dem Gesetzeswortlaut müssen die Ergebnisse aus der Anwendung des vereinfachten Ertragswertverfahrens daraufhin überprüft werden, ob sie als „offensichtlich unzutreffend“ zu bewerten sind. Gerade im derzeitigen wirtschaftlichen Umfeld (Unsicherheit über zukünftige Erträge, Niedrigzinsphase etc.) sind aus dem Vergleich der beiden dargestellten Verfahren jedoch erhebliche Wertdifferenzen festzustellen.

Das vereinfachte Ertragswertverfahren führt u. E. demnach allenfalls zufällig zu plausiblen Ergebnissen. In vielen Fällen – und wenn man es nicht gerade mit stark wachsenden Unternehmen mit steigenden Ausschüttungspotenzialen zu tun hat – wird es (insbesondere gemessen am derzeitigen Marktumfeld) zu überhöhten Unternehmenswerten führen. 

Da das Gesetz ausdrücklich die Wahlmöglichkeit einer alternativen marktüblichen Bewertung offen lässt, kann es im Einzelfall durchaus sinnvoll sein, über eine Unternehmensbewertung in Anlehnung an den IDW S1 nachzudenken. Diese ist in der Regel zwar arbeits- und kostenintensiver, führt jedoch aufgrund ggf. niedrigerer Unternehmenswerte zu deutlichen Ersparnissen gerade bei Erbschaft- oder Schenkungsteuerfällen, die die zusätzlichen Kosten häufig überkompensieren.

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