KI als Betriebssystem
Daniel Scherzer (plAIground) beschrieb die Kanzlei-KI als Betriebssystem, in dem der Chat nur das Terminal ist. Das Modell, ob Claude, GPT oder Gemini, ist der austauschbare Kernel. Entscheidend sind die Treiber, also Schnittstellen per MCP wie zu TaxGraph, Verlagen oder Microsoft 365. Hinzu kommen ein Scheduler, Agenten, Rechte und ein lückenloses Protokoll. Wie das praktisch aussieht, zeigte Scherzer am „Nachtwächter“: Um drei Uhr morgens prüft ein Agent neue BFH- und BMF-Dokumente gegen anonymisierte Mandantenprofile. Nur Treffer oberhalb einer Konfidenzschwelle gehen weiter. Um acht Uhr liegt dem Team ein Morning Briefing mit Entwürfen für Mandanteninformationen bzw. gezielten Beratungsanlässen vor, die der Berufsträger freigibt oder verwirft. Ein zweites Beispiel war der „Vorarbeiter“ beim Jahresabschluss-Kickoff. Er liest die Akte, gleicht sie mit Checklisten ab und formuliert die Unterlagenanforderung als Entwurf. Versandt wird erst nach menschlicher Freigabe. Scherzers Leitsatz: „Aufgaben ja. Haftung nein.“ Regeln liefern Prüfbarkeit, KI liefert Konfidenz, der Mensch trägt die Verantwortung. Daraus leitete er vier Regeln ab. Kein Ausgang ohne Freigabe, Rechte gehören in den Code und nicht in den Prompt, Konfidenz ist eine Zahl, und jeder Schritt wird protokolliert.
Stefan Groß (PSP München) sieht die größte Gefahr für Kanzleien in der Unfähigkeit, sich selbst zu verändern. Am Beispiel eines BFH-Falls zeigte er, dass die KI zum inhaltlich gleichen Ergebnis kam wie das Gericht. Die Zukunft liegt für ihn in hybriden Teams, in denen Wissensgraph, Sprachmodell und ein Ökosystem fachlicher, methodischer und prozessualer Skills ineinandergreifen. Unter dem Stichwort „Tax Holodeck“ skizzierte er Szenario-Simulationen, etwa die Vorbereitung auf eine Betriebsprüfung. Sein Fazit: Der erfahrene Steuerberater bleibt unverzichtbar. Offen ist, wie Berufseinsteiger künftig lernen. Die KI kann hier helfen und entsprechende Lernpfade simulieren, etwa als Trainingsumgebung für die mündliche Prüfung. Entscheidend ist das Mindset, an der Technik scheitert es nicht.
Eugen Müller (neo Kanzlei), der den Block moderierte, lieferte dazu die organisatorische Perspektive. Nach einem DATEV-Benchmark nutzen die besten zehn Prozent vergleichbarer Kanzleien die automatisierte Vorkontierung bei identischer Infrastruktur rund 4,5-mal so häufig wie der Median. „Die Infrastruktur ist da. Der Betrieb fehlt.“ Heute ist die Sachbearbeitung das eigentliche Betriebssystem der Kanzlei. Deshalb muss die Kanzlei vom Nutzer zum Betreiber werden und Agenten wie Mitarbeitende einstellen, einarbeiten, in der Probezeit testen und führen. Der Engpass verschwindet dabei nicht, er wandert. Aus dem Fachkräfteengpass wird ein Freigabestau bei den Berufsträgern. Müller empfahl, mit einem Agenten-Register und klaren Zuständigkeiten am Bestand zu beginnen. Zielvereinbarungen, Kapazitätsplanung und Honorarmodelle müssen neu gedacht werden.