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Nachbericht zum 8. Round Table „Tax & AI“

Prof. Dr. Thomas Egner

Prof. Dr. Thomas Egner

Otto-Friedrich-Universität Bamberg

Stefan Groß

Stefan Groß

Steuerberater und Certified Information Systems Auditor (CISA)

Auf Einladung von Prof. Dr. Thomas Egner (Otto-Friedrich-Universität Bamberg) und Stefan Groß (PSP München) trafen sich am 30. September 2026 mehr als 40 Expertinnen und Experten aus Beratung, Wirtschaft, Wissenschaft und Finanzverwaltung zum 8. Round Table „Tax & AI“ in München. Im Mittelpunkt standen drei Themenblöcke: Die KI-Angebote der Fachverlage, die Frage, wie KI zum Betriebssystem der Kanzlei wird, und das Zusammenspiel von KI und Daten.


In seiner Einführung ordnete Prof. Dr. Thomas Egner die Entwicklung historisch ein. Mit dem Bau der Eisenbahn ließ sich vergleichen, dass enorme Investitionen in die Infrastruktur sich erst nach vielen Jahren amortisieren. Zugleich hatten die Postkutschenführer damals Angst um ihre Arbeitsplätze, und am Ende transformierte sich die Gesellschaft. Stand im vergangenen Jahr noch die Interaktion zwischen Mensch und Maschine im Vordergrund, also der Mensch, der mit der Maschine kommuniziert, und die Maschine, die an ihn zurückspielt, rückte Egner nun den Kooperationsgedanken in den Mittelpunkt. Der Mensch ist zunehmend in ein hybrides System eingebettet, in dem auch KI-Agenten untereinander kommunizieren. Dass dies keine Degradierung des Menschen bedeutet, begründete Egner mit einem Satz der Arbeitspsychologin Prof. Dr. Laura Venz (Leuphana Universität Lüneburg): Die Prüfung einer KI-Lösung erfordert mehr Denkleistung, nicht weniger. Damit leitete Egner zur Bedeutung für den Berufsstand und für die Studierenden über.

Neues aus der Verlags-K(I)ÜCHE

Mark Schneider (Beck-Noxtua) berichtete, wie sukzessive immer mehr beck-online Nutzer die KI-Funktionalitäten von Beck-Noxtua bei ihrer täglichen Arbeit nutzen. Den Unterschied zu reinen Frontier-Modellen sieht Beck-Noxtua in der Verbindung von Daten und KI. Die Datenbasis umfasst rund 210 Millionen Dokumente, davon 60 Millionen von C.H.Beck selbst, der Rest von weiteren Contentpartnern und  Verlagen wie Nomos und Vahlen. Zugleich wächst das Angebot als europäische Lösung mit Verlagspartnern in der Schweiz, Österreich, Polen, Tschechien, der Slowakei, Bulgarien und Schweden. Nutzer wählen zwischen dem Athena-Agenten, der als Standard auf Open-Weight-Modellen läuft, und dem Minerva-Agenten mit Frontier-Modellen für komplexe Fragen. Ein Model Picker steuert die Auswahl. In Vorbereitung sind unter anderem ein Outlook-Add-in, Playbooks und ein Knowledge Graph, ein Major Release soll dann zum Jahresende folgen. Für zeitraumbezogene Prüfungen und den Umgang mit überholter Rechtsprechung ist eine spezifische Lösung in Planung.


Dr. Damian Klimke (Taxy.io) stellte den Wechsel vom reaktiven zum proaktiven Arbeiten in den Mittelpunkt. Der Taxy.io-Workspace bündelt Answers, Workflows und einen Tabellenblick, der gleich strukturierte Dokumente auswertet, und verschränkt dabei Steuer- und Rechtsfragen. Neu sind die „Beratungsanlässe“. Sie werden automatisch aus der laufenden Arbeit erkannt und schlagen jeweils eine konkrete Aktion vor, etwa zu Rechnungsangaben bei § 13b UStG oder zum weiteren Vorgehen bei einem Steuerbescheid. Dazu kommen 77 Workflow-Templates, die als Ketten von Prompts arbeiten. Für die kommenden Tage kündigte Klimke eine MCP-Schnittstelle an.

KI als Betriebssystem

Daniel Scherzer (plAIground) beschrieb die Kanzlei-KI als Betriebssystem, in dem der Chat nur das Terminal ist. Das Modell, ob Claude, GPT oder Gemini, ist der austauschbare Kernel. Entscheidend sind die Treiber, also Schnittstellen per MCP wie zu TaxGraph, Verlagen oder Microsoft 365. Hinzu kommen ein Scheduler, Agenten, Rechte und ein lückenloses Protokoll. Wie das praktisch aussieht, zeigte Scherzer am „Nachtwächter“: Um drei Uhr morgens prüft ein Agent neue BFH- und BMF-Dokumente gegen anonymisierte Mandantenprofile. Nur Treffer oberhalb einer Konfidenzschwelle gehen weiter. Um acht Uhr liegt dem Team ein Morning Briefing mit Entwürfen für Mandanteninformationen bzw. gezielten Beratungsanlässen vor, die der Berufsträger freigibt oder verwirft. Ein zweites Beispiel war der „Vorarbeiter“ beim Jahresabschluss-Kickoff. Er liest die Akte, gleicht sie mit Checklisten ab und formuliert die Unterlagenanforderung als Entwurf. Versandt wird erst nach menschlicher Freigabe. Scherzers Leitsatz: „Aufgaben ja. Haftung nein.“ Regeln liefern Prüfbarkeit, KI liefert Konfidenz, der Mensch trägt die Verantwortung. Daraus leitete er vier Regeln ab. Kein Ausgang ohne Freigabe, Rechte gehören in den Code und nicht in den Prompt, Konfidenz ist eine Zahl, und jeder Schritt wird protokolliert.


Stefan Groß (PSP München) sieht die größte Gefahr für Kanzleien in der Unfähigkeit, sich selbst zu verändern. Am Beispiel eines BFH-Falls zeigte er, dass die KI zum inhaltlich gleichen Ergebnis kam wie das Gericht. Die Zukunft liegt für ihn in hybriden Teams, in denen Wissensgraph, Sprachmodell und ein Ökosystem fachlicher, methodischer und prozessualer Skills ineinandergreifen. Unter dem Stichwort „Tax Holodeck“ skizzierte er Szenario-Simulationen, etwa die Vorbereitung auf eine Betriebsprüfung. Sein Fazit: Der erfahrene Steuerberater bleibt unverzichtbar. Offen ist, wie Berufseinsteiger künftig lernen. Die KI kann hier helfen und entsprechende Lernpfade simulieren, etwa als Trainingsumgebung für die mündliche Prüfung. Entscheidend ist das Mindset, an der Technik scheitert es nicht.


Eugen Müller (neo Kanzlei), der den Block moderierte, lieferte dazu die organisatorische Perspektive. Nach einem DATEV-Benchmark nutzen die besten zehn Prozent vergleichbarer Kanzleien die automatisierte Vorkontierung bei identischer Infrastruktur rund 4,5-mal so häufig wie der Median. „Die Infrastruktur ist da. Der Betrieb fehlt.“ Heute ist die Sachbearbeitung das eigentliche Betriebssystem der Kanzlei. Deshalb muss die Kanzlei vom Nutzer zum Betreiber werden und Agenten wie Mitarbeitende einstellen, einarbeiten, in der Probezeit testen und führen. Der Engpass verschwindet dabei nicht, er wandert. Aus dem Fachkräfteengpass wird ein Freigabestau bei den Berufsträgern. Müller empfahl, mit einem Agenten-Register und klaren Zuständigkeiten am Bestand zu beginnen. Zielvereinbarungen, Kapazitätsplanung und Honorarmodelle müssen neu gedacht werden.

AI meets Data

Olaf Thein (The Makery) stellte das Modell von The Makery vor: Senior Experts, eigene Software und KI. Technologie übernimmt die Routine, Experten beurteilen und verantworten das Ergebnis. Dabei sieht sich die Kanzlei auch als Lösungsanbieter. Konkret stellt Thein eine KI-basierte Bewertungslösung vor, die enorme Effizienzen hebt und zugleich personelle Ressourcen schont. Den Kern der Lösung bildet ein deterministischer, finanzmathematischer Rechenkern. Marktanalysen und weitere Informationen werden über KI-Funktionen aus internen Datenbanken abgefragt, sodass etwa Impairment-Tests auf Knopfdruck ablaufen. In einer Live-Demo der Makery Cloud, die Module unter anderem für Impairment-Tests und Investment Valuations bündelt, zeigte Thein den Bewertungsprozess vom KI-gestützten Datenimport aus Excel oder Lucanet über Kapitalkosten und Planung bis zu DCF-Sensitivitäten. Weitere Module, etwa zur Bewertung für Erbschaft- und Schenkungsteuer und zu Verrechnungspreisen, sind in Vorbereitung.


Stefan Werner, Dipl.-Finanzwirt (FH), in der Groß- und Konzernbetriebsprüfung sowie als EDV-Fachprüfer tätig, gab eine spontane Live-Demo zum Vibe Coding. Eigentlich wollte er nur einen Analyzer für E-Rechnungen erstellen. Claude lieferte ungefragt deutlich mehr, nämlich ein vollständiges Werkzeug zur Verarbeitung und Validierung von E-Rechnungen (u. a. XRechnung und ZUGFeRD) mit GoBD-konformem Export und einem Analyse-Dashboard mit statistischer Ausreißererkennung. Ein zweites Werkzeug rekonstruiert umfangreiche E-Mail-Bestände in Threads, erkennt Personen, Unternehmen und Beträge und macht Lücken im Schriftverkehr sichtbar. So entstehen in kurzer Zeit Prüfwerkzeuge, die bisher eigene Entwicklungsprojekte erfordert hätten.


Stefan Groß fasste die Ergebnisse des Tages abschließend zusammen. Beim Get-together wurde die Diskussion fortgesetzt.

Key Learnings
  • Verlage werden zu KI-Plattformen. Kuratierte Fachinhalte, Agenten und Schnittstellen wie MCP und API wachsen zusammen. Der Vorsprung liegt in der Verbindung von Daten und KI.

  • Vom reaktiven zum proaktiven Arbeiten. Beratungsanlässe und regelmäßige Agentenläufe schaffen Beratungspotenzial. Damit stellt sich die Frage, ob proaktive Information zur Beratungspflicht wird.

  • Von der Interaktion zur Kooperation. Der Mensch arbeitet nicht mehr nur mit der Maschine, sondern ist zunehmend in ein hybrides System eingebettet, in dem Agenten auch untereinander kommunizieren. KI wird damit zur Infrastruktur: Das Modell ist austauschbar, entscheidend sind Schnittstellen, Rechte, Protokollierung und ein klarer Lebenszyklus der Agenten.

  • Aufgaben delegieren, Haftung behalten. Hybride Workflows aus Regel, KI und Mensch brauchen definierte Freigaben, Konfidenzschwellen und einen nachvollziehbaren Audit Trail.

  • Der Engpass wandert. Wenn Agenten die Sachbearbeitung übernehmen, wird die Prüf- und Freigabekapazität der Berufsträger zur knappen Ressource. Sie muss geplant und organisiert werden.

  • Mindset vor Technik. Die Technologie ist verfügbar. Den Unterschied machen Organisation, Zuständigkeit und die Bereitschaft, sich als Kanzlei selbst zu verändern. Auch die Ausbildung des Nachwuchses muss neu gedacht werden.